Serie “Baustilkunde”

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 14.10.16
Geschwungene Gebäudefronten und gläserne Ecken
Baustilkunde – Die klassische Moderne in Bayern

Nach dem Ersten Weltkrieg hält die Industrialisierung des Bauens nach und nach Einzug. Mit dem farbenfrohen Spiel des Jugendstils ist es jetzt vorbei, in den großen Städten muss die Wohnungsnot gelindert und Stadthygiene – im Kampf gegen Krankheiten wie Tuberkulose – verwirklicht werden. Bauhausgründer Walter Gropius beschwört 1923 den “klaren organischen Bauleib (…) nackt und strahlend aus innerem Gesetz heraus, ohne Lügen und Verspieltheiten, der unsere Welt der Maschinen, Drähte und Schnellfahrzeuge bejaht (…), der seinen Sinn und Zweck aus sich selbst heraus durch die Spannung der Baumassen zueinander funktionell verdeutlicht und alles Entbehrliche abstößt, das die absolute Gestalt des Baus verschleiert“. Ein idealistisches Ziel.
Weiterlesen . . .

Foto: München, Der Amerikanerblock am Steubenplatz – Foto: © Jean Molitor

  Dr. Kaija Voss, München, Moderne, Amerikanerblock

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 20.5.16
Filigrane Brüstungen und goldglitzernde Mosaiken
Baustilkunde – Der Jugendstil in Bayern

Dr. Kaija Voss, Jugendstil in München, Harras   Die Epoche des Jugendstils ist für Architekten, Künstler und Designer eine wichtige Phase auf der Suche nach neuen Formen. Ziel dieser internationalen Bewegung ist die Ablösung vom industriell geprägten Historismus. Kennzeichnend für den Jugendstil ist daher das Experimentieren in nahezu allen Kunstgattungen. Der Wunsch nach dem “Gesamtkunstwerk” als einer Einheit aus Design, Kunst und Architektur bringt viele großartige Schöpfungen hervor, provoziert aber ebenso Widersprüche und Skandale. Trotz vieler Gemeinsamkeiten im künstlerischen Ausdruck ist der Jugendstil, der sich in er kurzen Zeitspanne von etwa 1890 bis 1914 entwickelt, keine homogene Bewegung.
Die Tendenz des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wonach sich verschiedene Stilrichtungen in Architektur, Dekor, Möbeln und Keramik zu einem eklektizistischen Ganzem im Leben des Bürgertums vereinigen sollten, stellt der Jugendstil ein neues Ideal gegenüber. Weiterlesen . . .

Foto: München, Harras, Drachenmotiv

 

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 7.8.15
Anleihen bei Baustilen vergangener Epochen
Der Historismus – “Bayerische Baustilkunde” (8)

Türmchen, Erker und Figuren schmücken das Bauwerk, sein Erdgeschoss besteht aus Quadern, zahlreiche Säulchen gliedern die Fassaden, reich ornamentierte Putzflächen stehen im Wettbewerb mit filigraner Fenstersprossung, die Öffnungen sind von Giebeln bekrönt, ein erhabener Bau steht vor unseren Augen – aber nein, wir sind nicht vor Schloss Neuschwanstein, sondern am Münchner Justizpalast. Er wurde 1890 bis 1897 nach Plänen des Münchner Architekten Friedrich von Thiersch erbaut und kann neben der üppig gestalteten Fassade auch noch mit einer modernen 66 Meter hohen Glaskuppel und seinem monumentalen Treppenhaus begeistern. Beiden Bauten, Schloss Neuschwanstein und dem Münchner Justizpalast ist gemeinsam, dass sie zur Architektur des Historismus gehören, einer Architektursprache der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der die Baustile längst vergangener Epochen zitiert werden. Weiterlesen . . .

Foto: München, Justizpalast © Pedro J. Pacheco/Wikimedia

  Dr. Kaija Voss, München, Justizpalast

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 2.4.15
Von der Walhalla zum Pompejanum
Der Klassizismus – “Bayerische Baustilkunde” (7)

Dr. Kaija Voss, Die Walhalla bei Donaustauf   Ein griechischer Tempel oberhalb des Donautals, inmitten einer Landschaft, die von Ausläufern des Bayerischen Walds geprägt ist, entrückt von allem Alltäglichen, perfekt proportioniert, eine Komposition aus Ebenmaß und Regelhaftigkeit. Gebe es da nicht die riesige Freitreppe, man könnte meinen, das Bauwerk schwebe über der Landschaft, weiß und unnahbar: die Walhalla in Donaustauf, eröffnet 1842. Ein solches Idealbild war es wohl, das der deutsche Archäologe Johann Joachim Winckelmann schon im 18. Jahrhundert mit seiner vielzitierten “edle(n) Einfalt” und “stille(n) Größe” meinte. Er bereitete mit seinen Schriften den Weg für den baulichen Ausdruck einer Epoche, die nach langer Zeit sowohl sakraler als auch höfischer Kapriolen in Barock und Rokoko wieder das rechte Maß finden wollte: den Klassizismus. Der von 1770 bis 1840 zu datierende Klassizismus wird in Malerei und Literatur von der Romantik begleitet. Weiterlesen . . .

Foto: Die Walhalla bei Donaustauf

 

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 20.3.15
Spielerische Leichtigkeit
Das Rokoko – “Bayerische Baustilkunde” (6)

Der kreisrunde Spiegelsaal ist in Hellblau, Weiß und Silber gehalten. Über einem der raumhohen Spiegel hängt lässig ein zartes silbernes Frauenbein mit zugehörigem Füßchen, daneben und darunter winden sich Girlanden aus silbernen Blüten, Blättern und Weintrauben. Auf einem Gesims an der Decke sitzt die zu Bein und Fuß gehörige Dame, unbekleidet, nur mit einem ebenfalls silbernen Faltenwurf bedeckt. Offenbar blickt sie zurück zum Betrachter, vielleicht aber auch zu einer ihrer Gespielinnen, die ebenso locker wie sie auf dem Gesims thronen.
Wir sind im Festsaal der Amalienburg. Vor seinen hohen Rundbogenfenstern liegt der Nymphenburger Schlosspark. Es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen, um weitere Details des überbordend mit Stuckaturen und Schnitzereien dekorierten Raums zu studieren. Da sind Musikinstrumente wie Jagdhörner oder Harfen, silberne Schalen mit Früchten, weitere Jagdmotive, allesamt eingebettet in geschnörkelte Blätter und Ranken. Ein Ornament wiederholt sich permanent und in unterschiedlichen Größen, züngelt die Wände und Decken empor: die muschelförmige “Rocaille”, das prägende und namengebende Ornament für das Rokoko. Weiterlesen . . .

Foto: Amalienburg im Nymphenburger Schlosspark

  Dr. Kaija Voss, München, Amalienburg, Nymphenburger Schlosspark
 

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 18.7.14
Wie geschaffen für das lebensfrohe Bayern
Der Barock – “Bayerische Baustilkunde” (5)

Dr. Kaija Voss, München, Theatinerkirche   Ein “Himmel von blauer Seide” war es bei Thomas Mann, der sich in München über “den festlichen Plätzen und weißen Säulentempelchen, den antikisierenden Monumenten und Barockkirchen” spannte und im “Sonnendunst” des Frühsommers die Stadt, ihre Bauten, ihre Kunst “leuchten” ließ. In einem Text von Wolfgang Koeppen bietet die Münchner “Theatinerkirche ihre Sandsteinfassade im Abendlicht übersinnlich” dar, die schöne Kuppel wächst “freudig und fromm” aus ihrer Umgebung heraus. Eine Kuppel im Abendlicht, Säulen, Tempelchen, dazu vielleicht ein paar Takte von Antonio Vivaldi, die aus dem Kirchenraum oder am Odeonsplatz erklingen – ein barockes Stück Italien. Und dorthin führt auch der Weg zum Geburtsort des Barock, nämlich nach Rom, unmittelbar in die päpstliche Umgebung. Eine riesige Kuppel, wie wir sie auf der Theatinerkirche sehen, bedeutet bauhistorisch immer eine Geste der Verneigung vor dem Petersdom. Weiterlesen . . .

Foto: München, Theatinerkirche

 

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 14.3.14
Von der Fuggerei zum Antiquarium
Die Renaissance – “Bayerische Baustilkunde” (3)

Augsburg, St. Anna. Das ein wenig versteckt liegende Gotteshaus erreicht man über den Annahof, eine Seitengasse der Annastraße. Die Kirche überrascht den Besucher mit einer großen Vielfalt an Baustilen. Man erblickt gotische Sterngewölbe, Stuckierungen im Stil eines leichten, pastelligen Rokoko, klassizistische Einbauten und nicht zuletzt: eine Renaissancekapelle. Hier in St. Anna befindet sich die Fuggereikapelle, die als erster Renaissancebau Deutschlands gilt. Obwohl sie inmitten einer evangelischen Kirche liegt, ist sie bis heute in katholischem Besitz. Vollendet wurde der kleine Bau 1512, etwa 100 Jahre nachdem man in Italien, genauer gesagt in Florenz, mit der riesigen Domkuppel von Santa Maria del Fiore und dem Findelhaus (Ospedale degli Innocenti) des Filippo Brunelleschi die “Wiedergeburt der Antike” feierte. Weiterlesen . . .

Foto: Augsburg, Fuggerei, Finstere Gasse

  Dr. Kaija Voss, Augsburg, Fuggerei
 

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 4.4.14
Spitzbögen und Giebel
Die Gotik – “Bayerische Baustilkunde” (4)

Dr. Kaija Voss, Regensburg, Dom   Den “Anblick eines mißgeformten, krausborstigen Ungeheuers” erwartet Johann Wolfgang von Goethe, als er 1773 zum Straßburger Münster geht. Überrascht von dessen “tausend harmonierenden Einzelheiten”, welche ihn mit den “Freuden des Himmels” erfüllten, preist er die “Würde und Herrlichkeit” des Bauwerks, kehrt noch oft staunend zurück und bahnt damit einer positiven Rezeption der bis dahin als “barbarisch” bezeichneten Gotik den Weg. Es war die erste nachmittelalterliche Würdigung der Gotik durch Goethe.
Der Regensburger Dom ist für den Betrachter heute kein “krausborstiges Ungeheuer”, als Hauptwerk der gotischen Architektur in Süddeutschland ist er Höhepunkt der Stadtbesichtigung. Der Steinbau mit den beiden Türmen beherrscht die Stadtsilhouette, seine dominante und dennoch filigrane Architektur entfaltet besonders bei nächtlicher Illumination einen ganz besonderen Reiz. Das Innere des Domes lockt immer wieder mit seinem Detailreichtum, der Besucher durchquert einen steinernen Säulenwald, der selbst nach unzähligen Besuchen Neues entdecken lässt. Weiterlesen . . .

Foto: Regensburg, Dom: BSZ

 

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 6.12.13
Der Rundbogen dominiert
Die Romanik – “Bayerische Baustilkunde” (2)

Die Kirche von Altenstadt ist ein ganz besonderer Ort. Wer die Basilika betritt, fühlt sich augenblicklich von einer unvergleichbaren Stille und Schlichtheit umfangen. Sie überrascht den Besucher, der sonst in Bayern eine barocke Motiv- und Formenfülle gewohnt ist, versetzt ihn unversehens in eine tiefe, innere Ruhe. Sein Blick findet an den geraden, erhabenen Bauformen Halt, er kann die schwere, stoische Architektur auf sich wirken lassen, sich sammeln, aus dem lauten Alltag hereintreten in eine kontemplative Welt, sich auf das konzentrieren, was wesentlich ist.
Für den Gläubigen und Kunstsinnigen mag es die überdimensionale romanische Kreuzigungsgruppe mit der archaisch wirkenden Christusfigur sein, die den Raum erfüllt, der “große Gott von Altenstadt”. Für den architektonisch Interessierten mehr die zeitlose, in ihrer Einfachheit überzeugende Konstruktion des Kirchenbaus. Romanik in Bayern – das ist ein ungewöhnliches Erlebnis. Weiterlesen . . .

Foto: Altenstadt, Basilika St. Michael

  Dr. Kaija Voss,  Altenstadt, Kirche
 

Bayerische Staatszeitung/Bauen – 11.10.13
Stilreine Bauwerke sind selten
Von der Romanik bis ins 20. Jahrhundert – “Bayerische Baustilkunde” (1)

Dr. Kaija Voss, München, Ainmillerstraße, Fassaden-Detail   Ein wenig sind die kunsthistorischen Epochen und die zugehörigen Baustile heute in Vergessenheit geraten. Und doch ist es immer eine Freude, sie zu kennen und so Bauwerke und deren Entstehungszeit auf einfache Art zu entschlüsseln, daheim und auf Reisen. Man muss nur genau hinsehen und versuchen, den Bau mit eigenen Kenntnissen einzuordnen. Eine Beschäftigung, die einen immer mehr fesseln kann, da sich, bei fortschreitender Kenntnis, auch Sonderfälle und Widersprüche ergeben. Vollkommen “stilreine” Bauwerke sind nämlich eher selten.
Bei der Analyse geht es, neben der meist ganz offensichtlichen Funktion des Bauwerks, als Kirche, Wohnhaus oder Rathaus, zuerst um die äußeren Merkmale. Die Fassade und der Dachbereich stehen im Fokus: Hat der Bau Rundbögen oder Spitzbögen, ist seine Fassade kompakt oder mit filigranem Dekor ausgestattet? Gibt es Symmetrien, Gesimse und Stuckornamente, ist die Front glatt und industriell geprägt? Weiterlesen . . .

Foto: München, Ainmillerstraße, Jugendstil-Fassade, Detail

 

Seitenende